Nicht geschimpft ist gelobt genug?

 

Lob ist eines der kraftvollsten Werkzeuge in der Begleitung von Kindern – und gleichzeitig eines der am meisten missverstandenen.

Warum Lob wirkt: es greift in viele Prozesse ein

Ein leises „Gut gemacht!“ – und weiter geht’s. Was im Alltag oftmals so daher gesagt wird, hat in Wirklichkeit eine erstaunliche Tiefe: Die Art, wie wir Kinder loben, prägt sie weit mehr als nur den Moment. Sie formt ihr Selbstbild, beeinflusst ihre Motivation und entscheidet mit darüber, ob ein Kind Herausforderungen neugierig begegnet oder eher vermeidet.

Lob wirkt wie ein Verstärker und zwar auf mehreren Ebenen gleichzeitig: als Lernsignal, als Impuls für die Neuroplastizität des Gehirns und als Baustein für intrinsische Motivation und Wachstumsdenken (Growth Mindset -> siehe weiteren Artikel zu dem Thema).

Kinder lernen nicht nur durch das, was sie tun – sondern vor allem durch die Bedeutung, die wir ihrem Verhalten geben und unsere Reaktion.

Besonders aus bindungstheoretischer Sicht wird deutlich, wie kraftvoll Lob ist: Es ist immer auch eine Botschaft über die Beziehung. In unseren Rückmeldungen lesen Kinder, ob sie gesehen, verstanden und angenommen sind. Lob zeigt ihnen nicht nur, was erwünscht ist, sondern im besten Fall auch warum – und genau darin liegt ihr Entwicklungspotenzial.

Wer Kinder wirklich stärken möchte, sollte Lob deshalb nicht einfach nebenbei einsetzen, sondern bewusst, differenziert und altersgerecht. Denn richtig eingesetzt kann es weit mehr sein als ein freundliches Wort. Lob kann Entwicklung in Bewegung bringen:

  • Das Kind fühlt sich gesehen und wahrgenommen
  • Es erlebt emotionale Sicherheit: „Ich bin wertvoll, so wie ich bin.“
  • Es entwickelt Vertrauen in sich selbst und andere


Doch: Nicht jedes Lob ist hilfreich. Studien zeigen, dass unspezifisches oder übertriebenes Lob sogar kontraproduktiv sein kann und etwa zu geringer Frustrationstoleranz oder Angst vor Fehlern und sogar dazu führen kann, dass sich Kinder weniger zutrauen. Allerdings muss Lob auch immer im Kontext gesehen und darf nicht pauschalisiert werden.

Wichtig ist, wie gelobt wird: 

  • konkret, ehrlich und bezogen auf den Prozess und die Anstrengung (wie etwas erreicht wurde)-> Kinder lernen dass sich Einsatz lohnt und dass Fortschritt durch Übung entsteht. 
  • auf Eigenschaften oder Ergebnisse (was erreicht wurde) -> kann Druck erzeugen und die Angst vor Fehlern verstärken.

Neurowissenschaftlicher Blick: Wie Lob das Gehirn formt

Das kindliche Gehirn entwickelt sich in enger Wechselwirkung mit Erfahrungen und Rückmeldungen von engen Bezugspersonen. Besonders in den ersten Lebensjahren ist es extrem formbar (Neuroplastizität!). Lob aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn – Dopamin wird ausgeschüttet – ein Neurotransmitter, der Motivation und Lernfreude steigert - und positive Gefühle verstärkt sowie den Lernprozess unterstützt.

Entscheidend ist dabei die Art des Lobes:

  • Anstrengung loben („Du hast dir richtig Mühe gegeben, die Aufgabe zu lösen“) fördert ein dynamisches Selbstbild. Kinder lernen: Ich kann wachsen und mich verbessern, wenn ich an einer Sache dran bleibe (übe) -> Steigert die Selbstwirksamkeit
  • Strategien loben ( „Du hast verschiedene Möglichkeiten ausprobiert”)
  • Dranbleiben loben, trotz Fehler/Rückschläge („Obwohl es anfangs nicht gleich geklappt hat, hast Du Dich durchgebissen”)
  • Fortschritt loben („Als Du die Aufgabe zum ersten Mal bearbeitet hast, hast Du noch viel nachlesen müssen. Jetzt klappt das schon viel besser.”)


Warum ist das so entscheidend?

Das Gehirn lernt dadurch nicht nur, dass etwas gut war – sondern auch warum und welcher Weg zum Erfolg geführt hat. Die Information aus dem Lob wird im Gehirn intensiver und breiter verknüpft, so dass sie dem Kind in ähnlichen Situationen wieder zur Verfügung steht. Es kann darauf zugreifen, um andere Herausforderungen zu lösen.

Wenn hingegen Eigenschaften gelobt werden („Du bist so schlau!“) kann das zu einem statischen Denken führen (Fixed mindset) und Druck erzeugen („Ich muss schlau bleiben“ oder “Ich darf keine Fehler machen”). Kinder vermeiden dann eher neue Herausforderungen, um ihr positives Bild vor anderen nicht zu gefährden.

Konkrete Beispiele für altersgerechtes Loben

Kleinkinder (0–3 Jahre): Verbindung und Emotionen

Kindergartenkinder (3–6 Jahre): Entdecken und Bestärken

Grundschulkinder (6–10 Jahre): Kompetenz und Motivation

Jugendliche (10–18 Jahre): Identität und Autonomie

Fazit 

Qualität vor Quantität: bewusst loben

Es kommt nicht darauf an, wie häufig das Kind gelobt wird und nicht jedes Verhalten muss gelobt werden. Im Zweifel loben wir sogar zu viel und zu unspezifisch. Kinder fordern uns auf, sie zu sehen. Sie wollen unsere Aufmerksamkeit, unsere Zuwendung. Diese sollten wir ihnen geben, auch ohne es in ein Lob zu verpacken.

Beim Loben ist es wichtig, dies bewusst und gezielt zu tun. Es geht darum, Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten, ihnen Orientierung zu geben und sie in ihrer Einzigartigkeit zu sehen. Wenn Lob ehrlich, konkret und beziehungsorientiert ist, kann es:

  • die Gehirnentwicklung positiv beeinflussen
  • eine sichere Bindung stärken
  • und Kinder zu selbstbewussten, motivierten Menschen heranwachsen lassen


2  Kurze Alltagsimpulse:

  1. Versuchen Sie heute, Ihr Kind einmal bewusst zu loben, indem Sie genau beschreiben, was Ihnen aufgefallen ist – nicht nur, dass etwas gut war. Achten Sie dabei darauf, wie Ihr Kind darauf reagiert.
  2. Im Erwachsenenalter, lässt Lob irgendwann nach. Doch auch Erwachsene werden gerne gelobt und erfahren Bestätigung und Selbstwirksamkeit durch die Anerkennung von anderen. Probieren Sie es einmal aus und vergeben heute ein ehrlich gemeintes Lob an jemanden.

Literatur

  • Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E., & Wall, S. (1978). Patterns of attachment: A psychological study of the strange situation. Lawrence Erlbaum. 
  • Bowlby, J. (1969). Attachment and Loss. Basic Books.
  • Dweck, C. S. (2006). Mindset: The New Psychology of Success. Random House.
  • Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The “What” and “Why” of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268. https://doi.org/10.1207/S15327965PLI1104_01 
  • Gunderson, E.A., Gripshover, S.J., Romero, C., Dweck, C.S., Goldin-Meadow. S., & Levine, S.C. (2013). Parent Praise to 1- to 3-Year-Olds Predicts Children’s Motivational Frameworks 5 Years Later. Child Development, 84(5),1526-41. DOI:  10.1111/cdev.12064 
  • Ng, B. (2018). The Neuroscience of Growth Mindset and Intrinsic Motivation. Brain Sciences, 8(20). DOI: 10.3390/brainsci8020020 
  • Siegel, D. J. (2012). The Developing Mind.